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wild Himbaland

Staubiges Bilderbuch

Genau solche Bilder hatte ich wohl konstruiert aus Erzählungen und kindlichen Vorstellungen. Es ist das romantische Afrika der Märchen. Das Afrika, welches mir später utopisch oder zumindest unerreichbar schien.

Aber doch es gibt es noch und ist man einmal mitten drin, wirkt es ganz natürlich, normal... ursprünglich!

 

In unserem Reiseführer wird das Kaokoland als eines der letzten Wildnisreservate im südlichen Afrika gepriesen. Natur und Mensch im über Jahrhunderte bewährten Einklang. Trotzdem wird nur eine einzige 4x4 Rundtour beschrieben und im gleichen Atemzug gewarnt vor Strapazen, Gefahren und Versorgungsproblemen. Wir wählen eine andere Route.

In Kamanjab füllen wir unsere zwei Zusatzkanister mit Diesel, die Wassertanks, den Kühlschrank und unsere Kisten mit Food und steuern ins Himba-Abenteuer. Um gleich richtig einzutauchen wählen wir die Khowarib-Route entlang des Ombonde und Hoanib Rivers nach Warmquelle. Viel mehr als einem Fahrzeug pro Tag werden wir für eine Woche nicht begegnen. Oft nur Tracks im Trockenflussbett oder auch gar keine Spuren. Manchmal steinige Kletterpassagen, Staub, Sand- und Kieswege und nur selten Gravelroads. Wilde Camps im Hoheitsgebiet der Wüstenelefanten und Löwen.

 

Ohne GPS wäre die Orientierung hier ein Fulltimejob für den Beifahrer. Mit nur wenig Luft in den Reifen wühlt sich unser Landy durch den Sand und schaukelt wie ein Schiff in den Wellen. Zuerst breit und unübersichtlich, später eingeengt zwischen steilen Felswänden schlängelt sich das Tal durch die trockene Öde. Nur in unmittelbarer Nähe zum Flusslauf ist die Vegetation grün und üppig. Das Wasser fliesst tief im Untergrund. Kein Mensch weit und breit. Ab und zu Springböcke, ein Schakal, Giraffen und Elefanten. Die Tiere hier sind scheu und unberechenbarer als jene in den Nationalparks.

Schon unser erstes Camp unter einem riesigen Anabaum am Ombonde River entfacht ein unbeschreibliches Gefühl der Freiheit. Lust sich alle Kleider vom Leib zu reissen und Teil des Hier und Jetzt zu sein.

Lagerfeuer, Schlangenbrot, das vergnügte Spiel der Kinder, ... das Paradies auf Erden.

 

Unser zweites Camp im Tal des Hoanib schlagen wir direkt neben einem Haufen schneeweisser Knochen auf. Das fast komplette Puzzle lässt bald keine Zweifel mehr offen, dass es sich um die Überreste eines Zebras handelt. Zusammen mit dem stolzen Gehörn einer Kudu-Antilope ein skurriles Dekor für unser Camp.

 

Das letzte Wegstück des Khowarib-Trails hat's in sich und braucht den vollen Federweg unseres hochbeinigen Gefährts. Das steilere Gelände bringt sogar das Wasser an die Oberfläche und lockt zu einem Bad. Ein kleiner Vorgeschmack auf den Felsenpool mit Warmwasserfall im Ongongo Camp. Ein Hochgenuss nach ermüdender Holperfahrt.

Nackte Schönheit

In Sesfontein gibt es nochmals bescheidene Gelegenheit die Vorräte etwas aufzustocken, bevor es immer tiefer ins wilde Himbaland geht. Für fast fünfhundert Offroadkilometer ist kein Diesel mehr erhältlich entlang der Route, die wir einschlagen wollen. Wir folgen weiter dem Hoanib und später dem Obias River und erreichen über den Fearlesspass das Wüstennest Puros am Hoarusib River. Das klassische Bild einer Oase mit hohen Palmen, rundherum Sand und Staub.

 

Häufiger lassen sich jetzt Ansiedlungen der Himbas ausmachen. Ein paar Hütten kreisrund umschlossen von Pfählen. Um etwas mehr über diese Halbnomaden zu erfahren engagieren wir einen Himba mit Englischkenntnissen. Er begleitet uns zu einer Siedlung ganz am Rand des Tales. Sie mussten ihren Wohnsitz hierher verschieben, weil ihnen die Elefanten in Flussnähe immer wieder alles flach getrampelt haben.

Tags darauf soll ein Vertreter der Regierung aus Windhoek nach Puros kommen um die Kinderentschädigung auszuzahlen. Der angebliche Grund, weshalb nur ein paar Frauen im Camp anzutreffen sind. Aber auch bei späteren Besuchen machen sich die Männer dünn. Die Himbas sind ein sichtlich stolzes Volk, das grossen Wert auf ihre Traditionen legt und diese bis zum heutigen Tage pflegt. Alles haben wir nicht verstanden, insbesondere nicht, weshalb den jungen Frauen die unteren vier Schneidezähne ausgeschlagen werden.  Besser nachvollziehbar ist die Pflege ihrer Haut, welche praktisch unverhüllt und ein Leben lang ungewaschen bleibt. Ein ockerfarbenes Gesteinspulver vermischt mit Tierfett schützt sie vor der sengenden Sonne und verleiht der Haut einen seidenen Glanz. Auch die Haare werden nie geschnitten und mit dieser Paste kunstvoll drapiert. Schmuck hat einen sehr hohen Stellenwert und informiert den Kenner auf einen Blick über den Status oder die Lebensumstände.

Von Puros aus folgen wir nördlich dem Hoarusib River. Vor nicht allzu langer Zeit soll er einmal Wasser gebracht haben. Ein schwer einzuschätzendes Ereignis, dessen Ursprung hunderte Kilometer entfernt liegen kann und die Regenzeit steht vor der Tür. Wo sich das Flusstal verengt, wählen wir deshalb einen Umweg über die Berge ins Tal des Khumib.

 

Die Nächte sind meist mäuschenstill, über Tag aber ist der Wind allgegenwärtig. In teils kräftigen Böen wirbelt er den Wüstenstaub hoch in den Himmel, lässt die Landschaft in einem feinen Nebel verschwimmen. Nach langer Fahrt über holprige Tracks, plötzlich ein Verkaufsstand am Wegrand. Eine Himbafrau mit ihren zwei Kindern im spärlichen Schatten unter der senkrecht darüber stehenden Sonne. Seit Puros sind wir keinem Auto mehr begegnet und das nächste wird uns erst anderntags kreuzen. Diese Frau kann hier auf nichts anderes warten als auf Touristen wie wir! Wir schaffen es nicht, um den Preis für Sarahs neue Halskette (50 N$ / 3.80 CHF ) zu feilschen!

 

Inzwischen sind wir in Opuwo, der Metropole im Kaokoland, angekommen. Auch im SPAR Supermakt prägen die barbusigen Himbas das Bild und machen uns die unglaubliche Spannweite der für richtig und wichtig betrachteten Lebensweisheiten bewusst.

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Kommentare: 1
  • #1

    Fränzi und Yana (Dienstag, 21 November 2017 17:54)

    So schön und magisch