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Gedankenspiel

Essen/fressen und gefressen werden

Während der Reise sind unsere Köpfe generell freier als im Schweizer Alltag. Und so verfolgen wir manch eine Kinderfrage ein bisschen intensiver, suchen zusammen nach mehreren möglichen Antworten, sinnieren über Leben und Tod. Mehr, als es zwischen Zimmerplan erstellen für die Übernachtungsgäste und dem nächsten Telefon wegen Auskunft zur aktuellen Lawinengefahr im Jungfraugebiet manchmal möglich ist. 

 

Kürzlich in Opuwo habe ich beim Gang vom Campingplatz zum SPAR für den Einkauf eine Abkürzung gewählt. Die 40°C zusammen mit aufwirbelndem Staub dünkten mich etwas gar heftig für mich und die drei Kinderlein. So gelangen wir, statt entlang der Hauptstrasse um drei Ecken, etwas direkter, aber mitten durch den lokalen Fleischmarkt, zu unserem Ziel. Links und rechts überdachte Holzstände. Im Schatten dieses Gebastels hängen an Haken ganze, halbe oder nur noch Einzelteile von Tieren, die z.T. noch als Geissen oder Schafe identifizierbar sind, Überbleibsel von Fell, dem Schwanz, den Hufen, verraten dies. An einzelnen Ständen sind lebende Tiere angebunden. Viele Himbas, Frauen und Männer, stehen an jedem Stand. Es wird diskutiert, begutachtet, mit scharf gewetztem Buschmesser geschnitten und mit dem Beil gehackt. Levi, Mena und Simon bleiben stehen, beobachten, benennen und äussern ihre Vermutung über die Bestimmung der soeben daher zottelnden Herde mit weiteren Schafen. In Becken erspähen wir abgehackte Schafsbeine und -köpfe. Am Rande des Fusswegs liegen die Hörner. Wir sehen das lebende und daneben das komplette tote Tier.

 

Auf den verbleibenden paar Hundert Metern zum SPAR kommen wir nur noch sehr langsam vorwärts. Es werden viele Fragen gestellt und Meinungen ausgetauscht. Unsere begnadete Fleischesserin ist empört, dass die hier das so machen. Unser Professor klärt nüchtern auf, dass jedes Tier sterben müsse, wenn wir Fleisch essen wollen, auch bei uns in Europa. Die wilde Tierwelt wird erwähnt, der natürliche Kreislauf dort. 

Mena beteuert, sie werde nie nie mehr Fleisch essen. Und relativiert ihre Aussage nach meiner Rückfrage zum von ihr geliebten Straussen- und Oryxfleisch auch gleich zu ab und zu, „wenn es halt richtig gestorben wird“. 

 

Im SPAR schaue ich bei der Fleischauslage nach, ob es wohl Käsegriller hat. Die haben vorherige Woche sogar mir sehr geschmeckt, als wir am Feuer im Nirgendwo nebst Schlangenbrot nichts anderes zum Bräteln hatten. In ihrer Cervelat-Erscheinung haben sie auch herzlich wenig mit Tier und Schlachten zu tun, also quasi vegitauglich, wenn da nicht Schlachterei Windhoek auf der Verpackung stünde…

 

Am Tag darauf, abends, am Wasserloch eines simplen Campingplatzes ausserhalb des Etosha-Nationalparks, folgt ein humpelndes Zebra der Herde mit beträchtlichem Abstand. Ein Fall für den Löwen, meint Christoph. Wieso? Mena ist überzeugt, dass sie von unserem Beobachtungsplatz aus den Löwen vertreiben würde, sollte er in diesem Moment das Zebra angreifen. Was hat dann der Löwe zu essen? Die alten Tieren, die sowieso sterben müssen. Ein interessanter Gedanke und für Mena theoretisch umsetzbar, sie, die es manchmal regelrecht liebt, an zähem Fleisch zu kauen, reissen, an Knochen zu nagen. 

 

 

Essen/fressen und gefressen werden, das hat die Kinder schon öfters in der Schweiz beschäftigt und wird es dort auch sicher noch länger tun. Hier gibts dazu ganz viel praktischen Anschauungsunterricht und ab und zu werden auch in mir wieder Grundfragen in ihren Festen gerüttelt.

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