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Fluch und Segen

Eines der gewichtigsten Argumente für die Route in den Norden war die Sehnsucht nach dem „richtigen“ Afrika. Das Afrika mit Kindern, die einem lauthals „Mzungu“ hinterher rufen, das Afrika, welches sich am Straßenrand abspielt und die Allgegenwart der Menschen, die einstweilen unerträglich werden kann. Trotz gleichermaßen grandioser Kulissen und atemberaubender Tierwelt unterscheiden sich Südafrika, Namibia, Botsuana und auch Simbabwe in genau diesen, vordergründig unangenehmen Punkten, sehr von den ostafrikanischen Ländern. Das Reisen im Süden ist einfacher, berechenbarer, ...langweiliger! 
Trotzdem haben wir das Ziel wieder in den Süden, ja sogar an den Startpunkt dieser Reise, nach Kapstadt, verlegt. Zu überzeugend waren die Vorteile und zu schweizerisch unser Streben nach Vernunft und Sicherheiten. Herrjeh, sogar den Rückflug haben wir schon gebucht! Was ist nur los mit uns? 
Ab und zu zwinkert schon eine kleine Vorfreude auf die ferne Heimat. Nach etwas mehr als drei Monaten des Unterwegsseins, täglichen Suchens nach einem Platz für die Nacht, Dachzelt Auf- und Zuklappens, sehne ich mich zunehmend nach einer handfesten Aufgabe. Das Hüttenfieber erwacht langsam und öfters ertappen wir uns Pläne schmiedend für die kommende Saison. Das ist gut so und ein bekanntes Gefühl vorhergegangener Reisen. Sehnsucht!
Wir haben darauf spekuliert und sind tatsächlich nochmals fündig geworden. Obwohl die Hauptstadt Maputo in ähnlichen Breiten wie Johannesburg liegt, hat Mozambique mehr Gemeinsamkeiten mit Kenia und Tansania als mit Südafrika. Über einen provinzialen Grenzposten haben wir Simbabwe verlassen und die weit über 2'000 Kilometer lange Küstenlinie Mozambique’s im südlichsten Viertel erreicht. Wir erleben nochmals Afrika in Reinkultur und genießen lästige Straßenhändler, hirnrissige Touristenpreise, herzliche Gastfreundschaft, lebendige Märkte und das wunderbar warme Wasser des Indischen Ozeans. 
Jetzt aber doch der Reihe nach mit einigen für uns markanten Erlebnissen aus dem neuen Jahr und kurz davor. Für Silvester haben wir uns nämlich ein maßgeschneidertes Programm ausgedacht und die Rechnung ist voll und ganz aufgegangen. Also nochmals zurück nach Simbabwe, ganz in den Mittleren Osten, in die Chimanimani Mountains.
Erreicht haben wir diesen vermutlich immergrünen Fleck Erde über eine wunderschöne, wilde Bergstraße. Wir haben sie „Snakeroad“ getauft. Zwei volle Tage für rund 120 Kilometer und ein wildes Camp am höchsten Punkt. Spektakulär und unvergesslich! 
Einigen wagen, aber verheißungsvollen Hinweisen folgend, packten wir für die Silvesternacht zwei Rucksäcke und parkten den Landy am Basecamp des Chimanimani National Reserves. Ziel – eine unbewartete Hütte. Unsere drei Bergzicklein waren kaum zu bremsen und als ginge es heimwärts kletterten sie ohne sichtlich zu ermüden bergwärts. Ganze vier Stunden und dann war das Ziel erreicht. Im Standard weit über den Erwartungen und für uns ganz alleine fanden wir die massive Hütte mit Matratzen und Wolldecken. Dazu ein Feuer, Fladenbrote, Guetzli und ein hell leuchtender Vollmond um herrlich schlafend ins neue Jahr zu starten.
 
Durchs grenznahe Bergland über rumplige Nebenstraßen erreichten wir drei Tage später den kleinen Grenzposten Espungabera. Die Ausreiseformalitäten aus Simbabwe waren im Handumdrehen erledigt und während der Einreise nach Mozambique trockneten wir unsere Wäsche, kochten Spaghetti und spielten abwechslungsweise mit den Kindern. Das andere widmete sich dem angestrengten Treiben der Zollbeamten. Seit einer Woche vor Weihnachten hatten sie nämlich keinen Strom mehr und mussten die ganze Arbeit von Hand erledigen! Da wurde in hierarchisch verteilten Prozessen geschrieben, gestempelt, kassiert und wieder geschrieben. Dazwischen nur schnell eine Pause fürs Mittagessen. Kurz vor uns waren zwei südafrikanische Fahrzeuge hier eingetroffen und so erstreckte sich dieses Schauspiel über ganze drei Stunden. Immerhin, das Visum kostete nur 50 US$ anstelle der erwarteten 65. Herrlich!
 
Jetzt waren wir also in Mozambique und auch wenn die Straße auf den ersten paar Metern perfekt geteert war, lag der Duft Afrikas förmlich in der Luft. Ebenso im nahen Grenzort Espungabera war kein Strom und obwohl es nicht möglich war eine SIM-Karte ohne elektronische Registrierung zu erhalten, bekamen wir eine für umgerechnet CHF 2.50 inkl. zwei Gigabyte Daten Bundle. Eben noch in Simbabwe haben wir für 400MB rund 10 CHF bezahlt.
Ohne konkrete Vorstellung über die weitere Route hielten wir uns jetzt Süd-Ostwärts in der Hoffnung irgendwie an die Küste zu gelangen. Mal über Lehm- mal Sandpisten tuckerten wir während zwei Tagen rund 250km weiter bis die „Straße“ plötzlich an einem breiten Fluss endete. 
Dass ich Euch das jetzt nicht in Bildern zeigen kann, wurmt mich etwas. Denn genau das sind die Erlebnisse, für die man Afrika liebt oder verflucht. Wir gehören definitiv zur ersten Gruppe. 
Außerhalb der Regenzeit lässt sich der Save River an dieser Stelle wohl durchfahren. Obwohl es rundherum trocken aussah, schien der Regen flussaufwärts schon öfter gefallen zu sein. An eine Durchfahrt war nicht zu denken. Alternativ hätte sich ein 200 Kilometer Umweg nordostwärts angeboten oder eben dieses Ding da vor uns im Wasser. 
Am besten umschreibt man es als Floss, nicht viel grösser als unser Auto. Ein rechteckiges Eisengestell mit Boden und Seiten aus irgendwelchen, zusammengeklebten Kunststoffplatten. Wäre damit nicht vor uns schon ein Südafrikaner auf die andere Seite geschippert worden, wüsste ich nicht, ob ich tatsächlich auf diesen Handel eingegangen wäre. Das genau war nämlich der zweite Schwachpunkt dieser Variante. 4'000 Metical sollte diese Fährfahrt kosten! Für den Großteil der Mozambiquer ein Monatslohn und soviel hatten auch wir nicht flüssig. Beim Umrechnen in Dollars kamen wir gar auf 200 US$, was sich dank kalkulatorischem Unvermögen des Fährmanns zu unseren Gunsten auf 45 US$ korrigieren ließ. Noch immer ein astronomisches Preis-Leistungs-Verhältnis! Aber die Abenteuerlust und die nahezu meuternde Menschenmenge, die diese Verhandlungen mitverfolgte, ließen die Hände klatschen. 
So fuhr ich also sichtlich angespannt über zwei Planken auf diese Nussschale und wir wurden mit langen Spießen auf die andere Seite des rund 200 Meter breiten Flusses gestoßen. Im Wasser grunzten die Flusspferde und von den Kindern war kein Mux zu hören. Gut gegangen!
 
Obwohl wir also im südlichen Afrika geblieben sind, wird auch diese Reise mit wahrhaftig Afrikanischen Erlebnissen gespickt sein! So auch heute wieder, nachdem wir einen mit Sand vollbeladenen Kleinlaster aus einer aufgeweichten Sandpiste geschleppt haben und jetzt mit sieben Kokosnüssen beschenkt im Garten des Chauffeurs logieren. 

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Kommentare: 2
  • #1

    Schlunis (Sonntag, 14 Januar 2018 08:33)

    Wau, super schöner Bericht. Du schreibst in Bildern. Freue mich dennoch auf die bildlichen Eindrücke von dieser Reise.
    Wir freuen uns auf euch.
    Weiterhin eine schöne Reise.
    Schöne Grüsse aus der Schweiz

  • #2

    Eva (Freitag, 19 Januar 2018 08:08)

    Super, wie ihr das alles macht, interessant zu lesen, schön geschrieben. Chapeau!
    Und danke für eure Einträge bei iOverlander!
    Herzliche Grüße aus Südafrika
    Eva