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Mountain Kingdom

LEsotho

In vielerlei Hinsicht vergleichbar liegt die Schweiz inmitten Europas wie Lesotho mitten in Südafrika liegt. Zwei Länder von Berglern, Wasserschlösser ohne Meeranschluss, und von ähnlicher Größe. Sogar Skifahren ist hier kein Fremdwort. Trotzdem sind die Unterschiede nicht von der Hand zu weisen und machen dieses kleine Land zu einem Juwel in unserem Reigen bereister Länder.

 

Lange waren wir uns nicht einig, ob die Route südwärts nochmals durch Lesotho führen soll. Auf unserer letzten Reise zur gleichen Jahreszeit war es nicht viel mehr als eine kurze Visite. Nass, kalt und rau haben wir es damals erlebt und hauptsächlich die Bewunderung für das zähe Bergvolk blieb in nachhaltiger Erinnerung.

 

Die Entscheidung hat uns dann ein vermutlich karrieregeiler, südafrikanischer Zollbeamter am Mahamba Border, bei der Ausreise aus Swasiland, abgenommen. Anstelle der benötigten 31 Tage bis zum geplanten Abflug wollte er uns partout lediglich 30 Tage gewähren. Nach einigem Hin und Her endete das in einem Siebentage-Transitvisum bis zur Grenze zu Lesotho. Der Plan war gemacht!

 

Nur drei Nächte und einen Ölwechsel später haben wir ganz im Norden um Einlass ins Königreich gebeten und bereits auf den ersten Metern war die Andersartigkeit unverkennbar. Eben noch Zäune links und rechts. Monströse Harvester, die im Minutentakt Eukalyptusbäume fällten und über weite Landstriche keine Menschenseele. Jetzt wurde es hügelig, die Zäune waren verschwunden und locker verstreut standen bunte, runde Hüttchen. Da ein paar Aren Mais, dort Ziegen, Schafe, Kühe und Esel auf der Straße und überall Menschen in Wolldecken. Nein die Luftmasse war noch dieselbe und die Temperatur sommerlich warm. Wolldecken, Mützen und Gummistiefel gehören wohl rund ums Jahr zur Grundausrüstung eines Basotho. Unabhängig von der Höhenlage!

Wir befinden uns auf rund 29° südlicher Breite. Auf die nördliche Halbkugel übertragen entspräche das etwa Kairo in Ägypten.

 

Wie in der Schweiz ist der Grund für Tradition und Eigenständigkeit wohl auch hier in der Topografie zu suchen. Dreitausender hat es kaum weniger als in den Schweizer Alpen, aber das Bild ist doch ein ganz anderes. Sogar die höchsten Gipfel sind grün und Mais wächst noch auf Säntishöhe. Wohl reduziert sich die Besiedlung mit dünner werdender Luft und ganz oben sind nur noch Hirten mit ihren Ziegen und Schafen anzutreffen.

 

Vermutlich die schlummernde Bergsucht trieb uns am ersten Tag schon knapp unter den Scheitelpunkt des 3090 Meter hohen Mafika Lisiu Passes. Beim Eindunkeln quälten sich noch ein paar Klapperkisten himmelwärts und dann wurde es ruhig. Ein atemberaubender Sonnenuntergang, Sternenhimmel und ein paar winzige Hirtenfeuer über die steilen Berghänge verstreut.

Diese und zahlreiche andere Straßen, welche sich durch die spektakuläre Topografie winden, wurden im Zusammenhang mit einem gigantischen Wasserbauprojekt gegen Ende des letzten Jahrhunderts realisiert. Unzählige Kurven und Höhenmeter später nächtigten wir auf einer Halbinsel hoch über dem Katse Stausee, dem Herzstück. Anderntags, während einer sehr informativen Führung durch die 185m hohe Bogenmauer, erfuhren wir, dass der Füllstand aktuell rund 30% unter dem für die Jahreszeit üblichen Niveau liegt. Wäre der 45 Kilometer lange See gefüllt, würde er das fünffache Volumen von Grande Dixence fassen.

Wie sich vermuten lässt, kommt die Initiative für ein solches Megaprojekt nicht aus dem traditionellen Binnenland als viel mehr vom Riesen rundherum. Der Durst der stetig wachsenden Metropole um Johannesburg wird durch einen 82km langen Tunnel gelöscht und quasi als Nebenprodukt kann ganz Lesotho mit Elektrizität versorgt werden.

 

Bleibt zu hoffen, dass die Regenzeit möglichst bald nach unserer Weiterreise so richtig in Schwung kommt! Derweil erkundeten wir die wilden Highlands bei jeweils wolkenlosen Morgenstunden und suchten uns ein windgeschütztes Plätzchen für die nachmittäglichen Gewitterstürme. Nur kurz kreuzten wir unseren letztjährigen Ost – West Track und steuerten den kaum bekannten Matebeng Pass an. Diesen Geheimtipp hat uns ein Südafrikaner in Bethlehem gesteckt und tatsächlich scheint er unsere Vorlieben perfekt interpretiert zu haben. Off the beaten track!

 

Das inzwischen arg strapazierte Profil unserer Reifen wurde nochmals richtig gefordert. Im Schritttempo schaukelten wir über unzählige Kurven, durch glasklare Bäche und grobe Steilpassagen dem 2960m hohen Pass entgegen. Wie durch ein Wunder tauchten keinerlei unüberwindbare Hindernisse auf, die stundenlange Arbeit oder kilometerlange Umwege auferlegt hätten. Esel und Pferde sind hier definitiv entspannter, schneller und sicherer unterwegs!

 

Genau das fehlte noch auf unserer Bucket List. Mit einem einzigen PS unterwegs zu sein. Wind in den Haaren, Schnauben in den Ohren und biologische Fürze in den Nasen!  Der Sehlabathebe Nationalpark schien uns prädestiniert für dieses Vorhaben.

Die vorabendliche Organisation machte zwar wenig Hoffnung auf gutes Gelingen und doch standen anderntags pünktlich wie eine Schweizer Bahnhofuhr vier Pferde und sogar zwei Tourguides bereit. Simon’s „Hü Eseli, hü Eseli... „ übertönte zwar das Schnauben, aber das Glücksgefühl stand allen Kindern ins Gesicht geschrieben  und unser Muskelkater hielt sich in Grenzen.

 

Die Grenze war denn auch unser nächstes Ziel und erneut eine Veranschaulichung der aufeinanderprallenden Kulturen. Tsamaea ka khotso, Go in peace, waren die letzten Worte auf einem riesigen Schild am steilen Wegrand zum Grenzzaun. Ohne 4x4 kaum zu schaffen!

Sofort nach dem Zaun dann wieder Südafrika. Die Straße perfekt, teils betoniert und mit Leitplanken versehen. Der Grenzposten mit Pass-Scanner und Computer ausgestattet und im Nebengebäude ein brummender Dieselgenerator mit Backup. Immerhin schien hier die basothische Mentalität grenzübergreifend zu wirken. Für die verbleibenden 22 Tage haben wir ohne Nachfragen ein 90-Tage Visum erhalten.

Unsere Route durchs Königreich
Unsere Route durchs Königreich

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