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Wer wagt gewinnt...

Der letzte Tag auf der Strasse

Gesättigt von all den Eindrücken der vergangenen Monate entscheiden wir uns für die Direttissima-Variante und nehmen die letzten 200 km nach Kapstadt auf der N2 in Angriff. Viele Baustellen zwingen uns immer wieder zu langem Warten vor den Stopp-Barrieren. Bis 20 Minuten beträgt laut den Informationsschildern die Wartezeit. Eine Schnellstrasse! Auf der Rückbank eingequetscht zwischen dem Japaner-Witz schreibenden Levi und der leseeifrigen Mena komme ich in Versuchung, mich doch noch einmal unserem Kartenmaterial zu widmen und entdecke eine attraktive Variante, um die N2 vorzeitig hinter uns zu lassen. Durch schöne Heidelandschaften fahren wir höher und höher dem Franschhoekpass zu. Es fühlt sich an wie an einem schönen Sommernachmittag auf den Schweizer Passstrassen. Reger Ausflugsverkehr, Töfffahrer, Caravanfahrer.

In einer Kurve, ein abrupter Stopp. Ein Auto nach dem anderen umfährt das Hindernis. Auch wir, doch Christoph fährt danach an den Strassenrand und erkundigt sich beim Fahrer des Lieferwagens, ob Hilfe benötigt sei.

Diesel ausgegangen und kein Geld auf dem Natel. Mit unserem Telefon erhofft sich der schwarze Fahrer Hilfe von seiner Schwester anfordern zu können. No network. Der unseretwegen zu Hilfe eilende holländische Overlander kann nicht viel verrichten, wir brauchen nichts und sein Ersatzkanister ist auch leer.  Danke trotzdem. Der Afrikaner tippt auf unserem Telefon ein Whatsapp und bittet, dieses abzuschicken, sobald wir Empfang auf der Weiterfahrt hätten. Seine 100km entfernte Schwester wird’s dann schon richten.

 

Stattdessen versichert Christoph dem Mann, dass wir ennet des Passes im 9 km entfernten Franschhoek mit unserem Ersatzkanister Diesel holen würden. Oben am Pass ein abzweigendes Strässchen zu einem schönen Aussichtspunkt. Perfekt, um Frau, Kinder, Kocher und Zutaten fürs Zmittag auszuladen. Schliesslich ists schon 15 Uhr, der Magen knurrt und so kann der Zwischenfall optimal genutzt werden. Diese Spontaneität, Unkompliziertheit zusammen mit viel gesundem Menschenverstand, das ist es, was ich unter anderem an meinem Mann so liebe.

Eine Stunde später sind die beiden Fahrzeuge auf der Passhöhe bei unserem Mittagsrastplatz. Es geht noch um die Bezahlung des Diesels, die ca. 18 Franken. Geld ist keines vorhanden. Und der geladene Wein ist leider nicht in für uns bewältigbarer Menge und zum Gegenwert des Diesels abgefüllt. Vier mal 500 Liter sinds schätzungsweise. Ausserdem gehört dieser auch nicht dem Fahrer, nach Stellenbosch müsste er noch damit. Aufgrund der Verzögerung würde er ihn aber nicht mehr am selben Tag abgeben können. Dann wird’s vielleicht nach dem Wochenende sein.

Wir erfahren mehr über den Gastarbeiter aus Uganda. Voller Freude möchte ich das Gespräch auf Kiswahili weiterführen, er hingegen ist stolz auf sein gutes Englisch, das sein Mutterland ihm beigebracht hat, das feinste aller ehemals englischen Kolonien, wie er meint. Zusammen singen wir ein Loblied auf Ostafrika. Wir erfahren, wie es sich als ausländischer Schwarzafrikaner in Südafrika anfühlt, wie unfreundlich der Umgang zwischen schwarz und schwarz ist, Angst um Arbeitsplatzwegnahme wird nur einer vieler Gründe dafür sein. Am Gang könne man auf einen Blick erkennen, wer unter den schwarzen Mitmenschen Südafrikaner sei und wer nicht. Ein südafrikanisches Township sei die Hölle.

Seit sieben Jahren wohnt er mit seiner Schwester hier und geschäftet, damit im wirtschaftsschwachen Uganda sein Haus gebaut werden kann, wohin er darauf zurückkehren möchte. Damit es etwas schneller geht, hat die Schwester die Fäden in den Händen, so unsere Vermutung. Sie besitzt den Lieferwagen, sie berechnet den Dieselverbrauch vor jeder Fahrt und betankt den Wagen. Und sie wird auch das gesamte Bargeld verwalten. Was in Afrika bei Frauen in besseren Händen ist. Und doch sind auch die Frauen nur Menschen und es können Fehler passieren. 140 km daneben, zum Beispiel.

Pasta al pomodoro essen wir ohne den Ugander, er möchte nicht. Derweilen organisiert er über unser Telefon den Geldtransfer. Klappt nicht wie erhofft wegen unseren unterschiedlichen Telekomanbietern. In Ostafrika ginge das vielleicht, dort hat die Bezahlung übers Telefon mittlerweile den Stellenwert von E-Banking in Europa eingenommen. Wir sollten den Gegenwert des Diesels nun mittels eines Codes in einer Pick&Pay-Supermarkt-Filiale erhalten. Er bedankt sich sehr herzlich bei uns, seinen Rettern wie er meint, und bittet Gott uns zu segnen. Und so tuckern wir am frühen Abend hinter dem Lieferwagen den Pass hinunter. Zufrieden über den Ausgang des Tages, nachdem die Fahrt auf der langweiligen N2 wenig verheissungsvoll begonnen hat.

 

Einmal mehr haben wir an diesem Nachmittag dem Reiseführer zu Südafrika und etlichen Warnungen weisser Südafrikaner wenig Beachtung geschenkt und dadurch einen netten Menschen kennen gelernt.

„Halten Sie nie an, wenn jemand Hilfe braucht. Es könnte sich um eine Falle handeln. Fahren Sie nötigenfalls im nächsten Ort zur Polizei und melden Sie das Gesehene.“

„Blacks are/can be very dangerous. There are many/they are criminals.“ Wie lange hätte der Ugander wohl noch am Strassenrand gewartet?

Ich bin froh, das spannungsgeladene Südafrika bald verlassen zu können und traurig, Afrika bald verlassen zu müssen.

 

Übrigens waren wir einen Tag später beim Pick&Pay gerade etwas sprachlos, als wir umgerechnet 41.50 Franken ausbezahlt bekommen haben. 

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